• Sie sind hier:
  • jdk.de >
  • ECM Blog
  • > Know-how >
  • Digitale Langzeit-Archivierung: Daten verschwinden, Technik veraltet
14. November 2006

Digitale Langzeit-Archivierung: Daten verschwinden, Technik veraltet

Allen Vorteilen zum Trotz: Einige Nachteile haben die Neuen Medien auch gegenüber den herkömmlichen. z. B. bei der Haltbarkeit. Größtes Problem einer dauerhaften digitalen Archivierung von Inhalten dürfte sein, dass in immer kürzeren Abständen eine Technologie durch eine neuere abgelöst wird. Es gibt unendlich viele unwiederbringliche Dateien – etwa wissenschaftliche Roh- und Experimentaldaten z. B. zu Umweltveränderungen, aus Astronomie und Geologie – die zunehmend digital abgespeichert oder umkopiert werden. Ein großer Teil des Wissens der Menschheit ist gefährdet, nicht zuletzt wissenschaftliche Erkenntnisse. Was ist z. B., wenn die Umstände und Bedingungen, die zur Entdeckung eines neuen chemischen Elements geführt haben, nicht mehr reproduzierbar sind? Verlage müssen daher nicht mehr nur von gedruckten Veröffentlichungen ein Exemplar an die Deutsche Nationalbibliothek geben, sondern auch von elektronischen

Was wird die Informationen wohl länger lesbar bereitstellen, die CD-ROM oder das Buch?

Damit das digitale Wissen nicht einfach verschwindet, müssen die Daten rechtzeitig auf andere Datenträger umkopiert werden, und zwar nach allgemein gültigen Standards. Das Lehrgebiet Multimedia und Internetanwendungen an der FernUniversität in Hagen ist an verschiedenen Projekten beteiligt, die eine sichere und möglichst effiziente Sicherung elektronischer Daten zum Ziel haben. Hierfür müssen bestimmte Strukturen aufgebaut werden. Dies kann u. a. durch das 7. Forschungs-Rahmenprogramm der Europäischen Kommission geschehen, das ab Anfang 2007 für mehrere Jahre Ziele in Forschung und Entwicklung vorgibt. Hierfür werden die Arbeiten des Projekts Digital Preservation Europe (DPE) Grundlagen liefern. Das FernUni-Lehrgebiet von Univ.-Prof. Dr. Matthias L. Hemmje ist hieran für den Bereich Deutschland zusammen mit der Deutschen Nationalbibliothek (DNB), der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) sowie der Humbold-Universität in Berlin (HUB) federführend beteiligt.

Papier ist unter günstigsten Umständen noch nach vielen hundert Jahren lesbar, Steininschriften nach Jahrtausenden. Chemische Einflüsse dürften das Trägermaterial von CD nach vielleicht 25, vielleicht 80 Jahren so angegriffen haben, dass sie unlesbar ist. Selbstgebrannte CD schaffen nur einen Bruchteil dieser Zeit. Tonbänder u. ä. verlieren ihre Magnetisierung ebenfalls. Und wie lange Festplatten halten, hängt extrem von ihren Einsatzbedingungen ab.

Für die Neuen Medien benötigt man Werkzeuge wie CD-Spieler – Techniken, die immer schneller von neuen abgelöst werden. Wer hat nicht längst Cassettenrecorder und Schallplattenspieler „entsorgt“? Will man Inhalte behalten, hilft nur Umkopieren, von der Schallplatte auf die – ebenfalls vor der Ablösung stehende – Musik-CD oder die Festplatte. Doch die vielleicht noch unter Windows 3.11 bearbeitete Festplatte kann vom Nachnachfolger gar nicht mehr „gelesen“ werden. Neueste Rechner haben überhaupt kein Diskettenlaufwerk mehr.

In Bibliotheken, Archiven und Museen, in Behörden, medizinischen Einrichtungen etc. gibt es daher Beauftragte, die die wertvollen Dokumente umkopieren. In vielen Unternehmen aber nicht. Und wenn dann eine elektronische Vertragsunterlage nach einigen Jahren nicht mehr geöffnet werden kann? In immer mehr Firmen wird die gesamte Eingangspost gescannt und nur noch elektronisch bearbeitet. Nun müsste regelmäßig geprüft werden, ob die Lesetechnik auf absehbare Zeit zur Verfügung steht: „Was passiert, wenn PDF-Dokumente nicht mehr geöffnet werden können?“ fragt Hemmje mit Hinweis auf den Vorgänger „PostScript“ Ende der 1980-iger Jahre: „Irgendwann wird der Support für jede Soft- und Hardware eingestellt, sind Dokumente wegen fehlender Kompatibilität nicht mehr zu öffnen.“

Dagegen gibt es zwei Strategien. Das Projekt Digital Preservation Europe (DPE) soll zu einheitlichen Standards führen, um in jeder Datei Meta-Informationen über die Werkzeuge zu speichern. Gibt ein Hersteller dann bekannt, dass er den Support für ein Produkt einstellen wird, kann der gesamte Bestand z. B. einer Festplatte gescannt und die gefährdeten Dateien zielgerichtet umkopiert werden. Von der Handhabung her könnte dies der Suchfunktion im Windows-Explorer entsprechen. Noch einfacher ginge es mit einer Funktion wie dem automatischen Windows-Update: Über das Internet werden Rechner nach den entsprechenden Dateiformaten untersucht und die gefundenen Dokumente (halb-)automatisch umkopiert.

Beim DPE-Projekt hat das Lehrgebiet die Koordination von Beiträgen zu Forschungsempfehlungen auf Europa-Ebene übernommen, um Bibliotheken, Archive und Museen („Gedächtnis-Institutionen“) zu verknüpfen. Ziel ist es, sich gemeinsam auf Standards und Methoden zu einigen, um Datenverluste effektiv zu vermeiden. Die Ergebnisse sollen ins 7. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission ab 2007 einfließen, die Forschungsempfehlungen können ihre Projektförderungen in den folgenden 3 bis 5 Jahren maßgeblich beeinflussen. Die „Roadmaps“ (Themenvorschläge) bereitet das DPE-Projekt vor. Hierfür muss das gesamte Hintergrundmaterial zu den Forschungen bzgl. Digitaler Langzeit-Archivierung der letzten drei Jahre aufgearbeitet werden. In Deutschland wird dieser Themenkatalog über das NESTOR-Netzwerk mit allen Experten überprüft und weiterentwickelt. Die Ergebnisse werden im November auf europäischer Ebene zusammengeführt. Nationale Organisatoren sind Prof. Hemmje und sein Team, wiederum in Zusammenarbeit mit den Kollegen an der DNB, der SUB und der HUB.

Beim deutschen Projekt NESTOR (Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung), an dem das FernUni-Lehrgebiet beratend beteiligt war, ging es um die Vernetzung von Akteuren (Bibliotheken usw.), um erst einmal das Bewusstsein für die latenten Gefahren zu schaffen und um dann Hilfestellungen für die Politik zu erarbeiten. Bei dessen Folgeprojekt NESTOR II – in dem das FernUni-Lehrgebiet von Prof. Hemmje als Partner und das Lehrgebiet Rechnerarchitektur von Prof. Dr. Wolfram Schiffmann als Unterauftragnehmer mitwirken – dreht sich nun ebenfalls alles um aktuelle und zukünftige Forschungs- und Entwicklungsthemen bei der Digitalen Langzeitarchivierung (LZA).

Bei der Erstellung einer LZA-Strategie erhebt sich allerdings mindestens die Frage, ob wirklich alle Informationen kopiert werden. Konvertiert man z. B. Schallplatten-Musik zu MP3-Dateien, geht der größte Teil verloren (auch wenn man dies nicht unbedingt hört). Keinen Verlust gibt es, wenn man die zweite Strategie verfolgt und die notwendigen Werkzeuge aufbewahrt. Einen Computer wegen seines Betriebssystems „einzumotten“ kommt eher für „Gedächtnis-Institutionen“ (Museen, Bibliotheken, Archive), Medienunternehmen, Banken und Versicherungen, die Medizinbranchen, Behörden und natürlich Universitäten in Betracht. „Fein raus ist man als Privatmensch natürlich, wenn man 1985 nicht nur seine Computer-Spiele behalten hat, sondern auch seinen Atari, seinen Commodore 64, seinen AMIGA 1000 usw. – und am besten gleich mehrere von jedem Typ“, lacht Hemmje.

(Dieser Beitrag ist die Wiedergabe einer Pressemeldung der Gesamthochschule in Hagen. Aufgrund der Qualität der Meldung schien eine Bearbeitung nicht sinnvoll, warum die Meldung hier vollständig wiedergegeben wird.)

Ähnliche Beiträge im ECM-Blog

Einen Kommentar schreiben

Mit der Veröffentlichung von Werbung via Kommentar, erklären Sie sich durch das Absenden des Kommentars mit den Bedingungen für die Platzierung einer Werbeanzeige und den AGB für Verlagspublikationen von Cara Europe Limited einverstanden. Bei einer Laufzeit von drei Monaten berechnen wir Ihnen je angefangene Zeile 150,00 Euro zzgl. gesetzl. MwSt. Nach Ende des Zeitraums wird Ihr werblicher Kommentar automatisch entfernt.

Kommentare ohne gültige E-Mail-Adresse werden kommentarlos gelöscht.


1 / 11
Tagcloud: ECM Blog
Der Autor

ECM-Experte Jörg Dennis Krüger

Jörg Dennis Krüger ist unabhängiger ECM-Spezialist und seit vielen Jahren Beobachter und Meinungsgeber der Branche. Zudem gilt er als Spezialist für Online-Performance-Marketing mit Schwerpunkt auf Conversion Optimierung.

In seinem ECM-Blog lesen Sie seine Meinung zu aktuellen Themen der Branche, Technologietipps und Erfahrungen zum praktischen Einsatz von Enterprise Content Management im Unternehmen.

Von 2008 - 2010 war er Vice President des weltweiten Verbandes von Content Management Praktikern "Content Management Professionals". Er ist als Senior Manager für Aufbau und Leitung des Geschäftsbereiches Conversion-Optimierung bei QUISMA verantwortlich.

Mehr Informationen und Kontakt bei Xing.

Kategorien
Weitere Artikel im ECM Blog

Open Text kauft Vignette – Sinnvoll oder nicht?

Soeben erreicht mich aus den USA die Information, dass Open Text die Übernahme von Vignette für 310 Millionen US-Dollar angekündigt hat. Die Zahlung soll größtenteils in Bargeld und nur zu einem kleinen Teil in Aktien erfolgen. Die Übernahme soll im 2. Halbjahr dieses Jahres abgeschlossen werden. Open Text kauft damit eine der größten und bekanntesten [...]

Rechtsanwaltskanzlei sucht Software

Soeben erreicht mich folgende E-Mail: “Sehr geehrtes Team, wir sind EDV Dienstleister aus Wien und suchen für einen Kunden, eine Rechtsanwaltskanzlei eine Software, mit der verschiedene Versionen/ Fassungen von Word – Dokumenten (PDFs) miteinander verglichen werden können. Können Sie uns bitte Informationen über Funktion, Preise (EK/ VK) und Abwicklung zukommen lassen.” Wer hier ein Angebot [...]

Kostenloses Ticket zur Hannover Messe

Nicht nur zur CeBIT gibt es hier auf jdk.de kostenlose Tickets! Auch zur Hannover Messe habe ich einen ganz heißen Tipp. Das Unternehmen PriorMart AG, bei dem auch jdk.de Kunde ist, bietet kostenfreie Tickets an, für dich man sich einfach unter diesem Link direkt bei der Deutschen Messe AG registrieren kann. Mit diesem Link geht [...]

Hätte die Bankenkrise durch Open Source verhindert werden können?

Schon vor einiger Zeit habe ich mit dem CEO eines Open Source ECM-Unternehmens über folgende Frage diskutiert: “Hätte die Bankenkrise durch Open Source verhindert werden können?” Diese Frage ist natürlich absichtlich provokativ platziert um die Diskussion rund um das Geschäftsmodell Open Source zu starten und weiter anzufachen, schließlich ist das Thema “Geld verdienen mit Open [...]

Enterprise 2.0 Webinar von Gentics

Soeben flatterte hier eine Einladung von Gentics zu einem Enterprise 2.0 Webinar hinein. Prinzipiell eine gute Idee und die Themen lesen sich auch sehr gut. Ob man die Anknüpfung an “Die Krise” nun wirklich braucht, oder als Unternehmen nicht lieber etwas weitsichtiger handeln sollte, ist dahin gestellt. Enterprise 2.0 kann zwar kurzfristig Effekt zeigen, die [...]

Innovationspreis-IT mit fremden Federn gewonnen

Neben der Pressebox ist der Innovationspreis-IT wohl das seriöseste Produkt des Huber Verlags. Ich finde den Preis toll und er hat meine volle Unterstützung – jedoch ziehen dort langsam ein paar dunkle Wolken auf. Auf der diesjährigen CeBIT wurde er wieder verliehen, der Innovationspreis-IT. In über 30 Kategorien, u.a. auch Wissensmanagement (Gewinner: Consideo), Content Management [...]