Sackgasse Inhaltsstreuung

Gutes Webdesign behilft sich schon lange visueller Hinweise, um dem Nutzer die Navigation begreiflich zu machen, Zusammenhänge zwischen einzelnen Inhaltselementen aufzuzeigen und zu gewichten und Mehrinformationen, im Sinne einer Kategorisierung des Inhalts, mit an die Hand zu geben. Bei einer gehörbasierten Navigation durch eine Website führen diese visuelle Hinweise nicht sehr weit, selbst wenn grundlegende Prinzipien von Accessibility eingehalten wurden.

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Kritik an Howards Ansatz

Die Konsequenz ist: Eine Website für hörbehinderte Menschen erfordert eine völlig andere Herangehensweise an die zu vermittelnden Inhalte. An dieser Stelle zeigt sich auch die Saftlosigkeit des Konzepts multipler Seiten von John Howard. Markup-Zentriertheit war in den vergangenen Jahren das Paradigma der Webgestaltung. Infolge dessen, rät Howard, als Konsequenz aus diesem Ansatz ,zu visuellen Hinweisen, um Struktur und Verbindungen von Inhaltselementen vermittels Markup zu illustrieren.

Der Fehler liegt in Howards fundamentaler Fehleinschätzung von HTML. HTML verfügt über zahlreiche Elemente, um Beziehungen zwischen einzelnen Inhaltselementen aufzuzeigen, z.B. Listen und Tabellen. Inhalte werden also auf der Grundlage ihrer Struktur gestaltet. Strukturierte Dokumente dieser Art beinhalten visuelle Hilfestellungen, die sich meist auch in den Bereich der Oralität transferieren lassen, z.B. eine Frauenstimme, die über Links und deren Ziel aufklärt.

Der Ansatz eines in erster Linie visuell zentrierten und erst dann erst auditiv erfahrbaren Netzes, hat eine lange Tradition und scheint andere Modelle der Rezeption zu verdrängen. Mit der Negation dieser Einschätzung verlassen wir dann auch das eng gesteckte Terrain von HTML.

Erkenntnisse aus Usability-Studien

Usability-Studien von Jakob Nielsen und anderen belegen, dass Nutzer Internetseiten nicht lesen, sondern vielmehr auf der Suche nach für sie relevanten Informationen, "scannen".  Das würde bedeuten, dass Inhalte, die sich nicht visueller Hilfsmittel zur Strukturierung bedienen, vielmehr entsprechende Strukturierungsangebote selbst vornehmen oder wichtige Inhalte am Seitenanfang stellen.

Eine weitere Erkenntnis verblüfft ebenso: Wenn ein Navigationsschema zu komplex ist für Blinde, dann ist es auch in aller Regel zu komplex für Sehende. Menschen sind in aller Regel in der Lage, eine sinnvolle Auswahl zu treffen, wenn nicht mehr als neun Optionen zur Auswahl stehen. Ironischerweise ist damit eine Navigationsstruktur, die für Sehende optimiert wurde, auch optimal für Nichtsehende.

Howards Ansatz einer Inhaltssteuerung krankt  aber auch an anderen Stellen. Er schlägt vor, den Browser des Nutzers, aufgrund seiner Kennung zu identifizieren und dann den speziell aufgearbeiteten Inhalt auszuliefern. Diese Vorgehensweise war schon immer problematisch und zeigt hier besondere Schwächen:

Fast alle Windows-basierten Screen-Reader nutzen intern den Internet Explorer und kommunizieren über Microsofts Accessibility Architecture (MSAA) mit dem Browser. JAWS, Window Eyes und IBM Homepage Reader sind Sprachausgabesysteme, die allesamt auf dem Internet Explorer aufsetzen. Die Konsequenz daraus: Eine korrekte Ermittlung des verwendeten Browsers ist äußerst fragwürdig. Und wie steht es um Farbenblindheit? Oder das Fehlen einer Tastatur als Navigationsinstrument? Der Ansatz führt ins Leere.

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